Doch was bedeutet diese Angabe eigentlich? Und warum kaufen wir zwei Geräte für gleich große Räume, die trotzdem Luftqualität liefern? Die Antwort liegt in einer Kennzahl, die viel zu selten erklärt wird: dem CADR-Wert. Wenn wir verstehen, was dahintersteckt, werden wir zu souveränen Käufern, die sich nicht von Marketing-Versprechen blenden lassen.
Die physikalische Basis: Was der CADR-Wert tatsächlich misst
CADR steht für Clean Air Delivery Rate – die effektive Reinigungsleistung eines Luftreinigers pro Zeiteinheit. Anders als diffuse Werbeversprechen ist dieser Wert messbar und vergleichbar: Er sagt uns, wie viel Luft ein Gerät tatsächlich von Schadstoffen befreien kann, ausgedrückt in Kubikmetern pro Stunde (m³/h) oder, im angelsächsischen Raum, in Cubic Feet per Minute (CFM).
Die Berechnung ist im Grunde einfach und folgt einer klaren Logik. Der CADR-Wert ergibt sich aus dem Luftvolumenstrom, also der Luftmenge, die pro Zeiteinheit durch das Gerät strömt, multipliziert mit der Effizienz des eingesetzten Filters. Oder als Formel ausgedrückt:
CADR = Luftvolumenstrom (m³/h) × Filtereffizienz (%)
Ein Luftreiniger, der 400 m³/h Luft ansaugt und dabei 75 Prozent der Partikel abfängt, erreicht einen CADR von 300 m³/h. Diese 300 m³/h sind der entscheidende Wert, weil er unabhängig von der Raumgröße ist. Er sagt uns: Dieses Gerät schafft es, 300 Kubikmeter Luft pro Stunde von Schwebeteilchen zu befreien – egal, ob es in einem 20-Quadratmeter-Büro oder einem 60-Quadratmeter-Seminarraum steht. Die Raumgröße bestimmt lediglich, wie oft die Raumluft insgesamt gereinigt wird.
Dimensionierung für Praxisräume: Die Luftwechselformel
Und hier wird es spannend. Denn die entscheidende Frage ist nicht „Wie groß ist mein Raum?", sondern „Wie oft soll die Luft pro Stunde komplett ausgetauscht werden?" Fachleute sprechen von der Air Changes per Hour, abgekürzt ACH. Die Formel, mit der wir aus dem CADR-Wert und unserem Raumvolumen die tatsächliche Luftwechselrate berechnen, lautet:
ACH = CADR (m³/h) ÷ Raumvolumen (m³)
Umgekehrt können wir natürlich auch ausrechnen, welchen CADR-Wert wir für unsere Räumlichkeiten brauchen:
Benötigter CADR (m³/h) = Raumvolumen (m³) × gewünschte ACH
Das schweizerische Bundesamt für Gesundheit (BAG) sowie die amerikanische ASHRAE empfehlen für den Schutz vor Aerosolen, Viren und Rauch eine Luftwechselrate von 3 bis 6 Mal pro Stunde. In der Praxis haben sich 4 bis 6 ACH als guter Richtwert für Praxen, Büros und Schulen etabliert.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Wartezimmer mit 30 Quadratmetern und einer Deckenhöhe von 2,5 Metern hat ein Raumvolumen von 75 m³. Wenn wir mindestens 4 Luftwechsel pro Stunde anstreben, ergibt sich ein benötigter CADR von 75 × 4 = 300 m³/h. Dieses Gerät, das auf der Verpackung „für Räume bis 30 m²" beworben wird, passt also tatsächlich – aber nur bei dieser spezifischen Deckenhöhe und dieser Luftwechselrate. Und genau hier beginnen die Probleme.
AHAM-Standard versus Alltagsrealität
Die CADR-Messung folgt einem standardisierten Verfahren, das seinen Ursprung in den USA hat. Die AHAM, die Association of Home Appliance Manufacturers, definiert eine Testkammer mit einem genau festgelegten Volumen von 28,5 m³ – das entspricht ungefähr einem Raum von 11 Quadratmetern bei Standarddeckenhöhe. In dieser Kammer werden drei verschiedene Partikelarten getestet: sehr feiner Rauch (0,09 bis 1,0 µm), Staub (0,5 bis 3,0 µm) und Pollen (5,0 bis 11,0 µm). Der ausgegebene CADR-Wert ist ein Mittelwert aus diesen drei Tests.
Das Problem: Die Testkammer wird mit Umwälzventilatoren betrieben, die eine gleichmäßige Luftverteilung garantieren – eine Bedingung, die in unseren realen Räumen praktisch nie vorliegt. Möbel, offene Türen, Zugluft von Fenstern und die Positionierung des Geräts im Raum erzeugen eine völlig andere Luftzirkulation. Ein CADR von 300 m³/h unter Laborbedingungen kann sich in der Praxis auf 250 oder weniger reduzieren. Deshalb empfehlen Fachleute, den errechneten CADR-Bedarf um 20 bis 30 Prozent zu erhöhen – eine pragmatische Faustregel, die wir uns merken sollten.
Ein weiterer entscheidender Punkt: Der CADR-Wert wird ausschließlich auf der höchsten Lüfterstufe gemessen. Wer sein Gerät allerdings in einem besetzten Raum betreibt – etwa in einer Arztpraxis oder einem Schulzimmer –, wird die maximale Leistung selten nutzen können, weil der Geräuschpegel bei Vollast oft 60 dB(A) oder mehr erreicht. Das ist ein Grund, warum wir beim Kauf darauf achten sollten, ob der Hersteller auch Angaben zu den CADR-Werten auf mittlerer oder niedriger Stufe macht – oder ob wir einstufige Geräte bevorzugen, die für den Dauerbetrieb bei akzeptabler Lautstärke ausgelegt sind.
Fallstricke bei Herstellerangaben zur Raumgröße
Die Quadrmeterzahl auf der Verpackung entsteht durch eine einfache Rückrechnung: Der Hersteller nimmt den gemessenen CADR-Wert, teilt ihn durch ein angenommenes Raumvolumen und präsentiert das Ergebnis als „geeignet für X m²". Doch diese Rechnung enthält mehrere Annahmen, die wir kennen sollten.
Erstens wird eine bestimmte Deckenhöhe unterstellt – meistens 2,5 Meter, manchmal auch 2,4 Meter. Ein Raum mit 3,5 Metern Deckenhöhe hat bei gleicher Quadrmeterzahl ein deutlich größeres Volumen. Unser 30-Quadratmeter-Wartezimmer mit hohen Decken hätte statt 75 m³ ein Volumen von 105 m³. Das Gerät müsste die Luftwechselrate auf unter 3 pro Stunde reduzieren – ein relevanter Unterschied für die Schutzwirkung.
Zweitens variieren die Hersteller bei der angenommenen Luftwechselrate. Manche kalkulieren mit 4 bis 5 ACH, andere verwenden nur 2 ACH – bei gleichem Gerät kann die empfohlene Raumgröße dadurch um das Doppelte variieren. Die einzige verlässliche Vergleichsgrundlage bleibt der CADR-Wert in m³/h, den wir in unsere eigene Formel einsetzen können.
Drittens fehlt auf den meisten Verpackungen die Angabe des Schalldruckpegels auf der Stufe, auf der der CADR-Wert gemessen wird. Wir kaufen also ein Gerät für 40 Quadratmeter, stellen es in unser Behandlungszimmer und erfahren erst beim Einschalten, dass es auf der einzigen Stufe, die diese Reinigungsleistung tatsächlich bringt, so laut ist wie ein laufender Staubsauger. Deshalb ist es sinnvoll, vor dem Kauf gezielt nach den technischen Daten zu fragen und sich nicht nur auf die Raumgrößenangabe zu verlassen.
Die Europäische Norm EN 1822 für Luftfilter und die zugehörigen Prüfverfahren setzen langsam neue Maßstäbe für den europäischen Markt. Bisher aber basieren die meisten CADR-Angaben auf den amerikanischen AHAM-Tests oder dem chinesischen GB/T-Standard, was den Vergleich zwischen verschiedenen Herstellern zusätzlich verkompliziert.
Unsere Berechnung: Der praktikabelste Weg zur richtigen Dimensionierung
Angesichts dieser Unsicherheiten bleibt uns nur ein Weg: selbst rechnen. Die Formel ist simpel, das Ergebnis belastbar. Wir messen oder schätzen unser Raumvolumen, legen die gewünschte Luftwechselrate fest – für Virenschutz empfehlen sich 4 bis 6 ACH – und multiplizieren. Das Ergebnis ist der CADR-Wert, den unser Gerät mindestens mitbringen sollte.
Hier eine kompakte Übersicht für gängige Räumlichkeiten bei einer Standarddeckenhöhe von 2,5 Metern und einer Luftwechselrate von 4 ACH:
| Raum | Quadrmeter | Volumen | Benötigter CADR |
|---|---|---|---|
| Kleines Behandlungszimmer | 15 m² | 37,5 m³ | 150 m³/h |
| Wartezimmer oder Büro | 30 m² | 75 m³ | 300 m³/h |
| Schulklasse | 50 m² | 125 m³ | 500 m³/h |
| Großer Seminarraum | 75 m² | 187,5 m³ | 750 m³/h |
Wenn wir hingegen 6 ACH anstreben – etwa in stark frequentierten Praxisräumen –, multiplizieren wir das Raumvolumen entsprechend mit 6 statt mit 4. Ein 30-Quadratmeter-Wartezimmer bräuchte dann einen CADR von 450 m³/h.
Der CADR-Wert ist der einzige wirklich vergleichbare Indikator für die Reinigungsleistung – aber nur, wenn wir verstehen, was er tatsächlich misst und wo seine Grenzen liegen.
Diese eigene Berechnung befreit uns von der Abhängigkeit von Herstellerangaben, die unter Umständen mit optimistischen Annahmen kalkulieren. Sie gibt uns die Kontrolle zurück und macht uns zu mündigen Entscheidern, die wissen, was sie kaufen – und warum.
Am Ende geht es nicht darum, das teuerste Gerät auf dem Markt zu ergattern oder uns von bunten Verpackungsversprechen verführen zu lassen. Es geht darum, ein Schutzkonzept für unsere Räumlichkeiten zu entwickeln, das in der Alltagsrealität funktioniert. Wenn wir die CADR-Berechnung einmal verstanden haben, wird sie zur selbstverständlichen Grundlage jeder Kaufentscheidung – und zu einem wichtigen Baustein in unserem persönlichen Infektionsschutz.
